ÖV Landschaft

Von der beigen Maus zum roten Paradiesvogel

Stadtbus Chur (SBC)

P. S. Waren das noch Zeiten vor 20 Jahren, als die Churer Stadtbusse ein verschämtes Dasein fristeten. Farblich trugen sie ein bleiches Beige, und am Ausgangspunkt ihrer Linien kuschelten sie sich verschämt an das Bahnhofgebäude, während die sperrige Bahn nach Arosa und die gelben Postautos den Platz davor beherrschten. Heute dominieren denselben Platz Busse in den roten, schwarzen und weissen Farben des Stadtbanners. Die Postautos haben sich auf ein ihnen vorbehaltenes Deck über den Geleisen verschoben, und die Züge nach Arosa klemmen sich zwischen den Bahnhofbau und einen der beiden Bus-Perrons. Mit dem jüngst erfolgten Abschluss der Bauarbeiten an der und um die grösste Drehscheibe des öffentlichen Verkehrs in Graubünden hat «dr Bus vu Chur», wie sich das Unternehmen Stadtbus zu Marketingzwecken bis hin zur Internetadresse selber bezeichnet, dort einen ebenso prominenten Auftritt gefunden wie im Stadtbild überhaupt.


Verkehrte kleine Welt

Ihren Anfang genommen hatte die Fahrt der Churer Busse von der Randexistenz in Richtung Identifikationsmerkmal vor 13 Jahren. Damals leitete die Stadt eine Wende in der Organisation und Ausrichtung ihres Busverkehrs um 180 Grad ein. 1952 hatte sie diesen im Zuge der Ausdehnung ihres Siedlungsgebietes etabliert, und seither oblag sein Betrieb einer privaten Firma, deren Stärken Gütertransporte und Gesellschaftsfahrten waren und sind. Weil man politisch übereinkam, dem Busbetrieb im Stadtverkehr künftig eine bedeutendere Rolle zuzuweisen, wurde 1995 das Gegenteil dessen beschlossen und vollzogen, was aufgrund des damaligen Zeitgeistes zu erwarten gewesen wäre: die Stadt gründete für den Betrieb ihrer Buslinien eine eigene Gesellschaft, die heutige Stadtbus Chur AG (SBC).


Auch wenn dieser und ihrem Spiritus rector, dem damaligen Stadtschreiber Dieter Heller, der bis heute als Verwaltungsratspräsident die Geschicke der SBC leitet, alle erdenklichen unternehmerischen Freiheiten gewährt wurden, handelte es sich doch um die Kommunalisierung eines bis anhin von einem Privaten erbrachten öffentlichen Dienstes. Zu dieser verkehrten kleinen Welt passt, dass der Churer Busbetrieb dadurch geradezu dynamisiert wurde. Aus der bleichen beigen Maus war über Nacht ein unkonventioneller Paradiesvogel mit (ausschliesslich farblich) rotem Grundton geworden. Dass man das junge Unternehmen in seinen ersten Jahren in der Branche auch als «Enfant terrible» wahrgenommen hat, ist vor allem auf seinen erfolgreichen Husarenritt ins Oberengadin zurückzuführen.


Dort hatte sich die SBC 1999 wider jegliches Erwarten erfolgreich um das neu geschaffene regionale Busnetz beworben und damit die stolzen Postautos aus einem äusserst prestigeträchtigen bisherigen Betätigungsfeld verdrängt. Allen Unkenrufen zum Trotz vermochte sich die SBC auf dem selbst deklarierten «Top of Europe» tatsächlich zu etablieren, und die Kundschaft hat sich mittlerweile an die unter dem Namen Engadin-Bus verkehrenden, noch etwas wilder als ihre Churer Cousins bemalten Gefährte und den multikulturellen Kreis ihrer am Steuerrad bisweilen sehr sportlichen Chauffeure gewöhnt. Die Chuzpe, mit der die SBC in St. Moritz und Umgebung gegen das grösste Busunternehmen der Schweiz angetreten war, ist Bestandteil jenes (gemessen an dem, was öffentliche Transportunternehmen in der Schweiz sonst so tun und lassen) unorthodoxen Wesens, welches das Churer Unternehmen bis heute auszeichnet.


Schweizerkreuz auf der Brust

Ausdruck findet diese Unkonventionalität auch in der Bewirtschaftung der Fahrzeuge, welche die SBC in der Regel nach nur wenigen Betriebsjahren weiterverkauft. Dadurch finden neuste technische Trends jeweils schnell Eingang in den Churer Bus-Alltag, und der Aufwand für Reparaturen kann in engen Grenzen gehalten werden. Einen einsamen avantgardistischen Schritt setzte die SBC, indem sie vor elf Jahren als erstes schweizerisches Unternehmen des öffentlichen Nahverkehrs die herkömmlichen Mehrfahrtenkarten durch Chip-Karten ersetzte. Dieses System wurde vor kurzem durch eine neuere, aber grundsätzlich analoge Applikation ersetzt. Zum einen, weil der regionale Tarifverbund nach ausgeklügelteren Lesegeräten verlangte, und zum anderen, wie es im SBC-Flyer heisst, weil «die Geräte von den Herstellern nicht mehr unterhalten werden». An den neuen Apparaten in den Bussen können die Kunden den Betrag für eine beliebige Strecke innerhalb des Churer Tarifverbundes von ihrer Karte abbuchen. Was den Passagieren Flexibilität beschert, erhöht allerdings den Aufwand bei der Billettkontrolle, die mit einem Lesegerät durchgeführt werden muss. Zum Beispiel von dem deutschen Kontrolleur, der ein rotes T-Shirt trägt – ohne SBC-Logo, aber mit Schweizerkreuz auf der Brust.

 

Neue Zürcher Zeitung von Paul Schneeberger