Perverse Datenschützer
  

 

 

 

 

 

Am Freitagabend, 5. Juni 2009 wurde einer unserer pflichtbewussten Chauffeure auf dem Nachtsammelkurs brutal misshandelt, und zwar so, dass er die Fahrt nicht fortsetzen konnte. Er musste sofort in ärztliche Behandlung. Der Bus blieb stehen. Die Täter konnten in der Zwischenzeit ausfindig gemacht werden.

Unsere neuen Busse werden mit Videogeräten bestückt. Da könnte ich mir unschwer vorstellen, dass ein Schrei der Empörung der „Gutmenschen“ in die raue Wirklichkeit hinaus getragen wird. Der Datenschutz werde verletzt und was dererlei Unsinn jeweils mehr gesagt wird.

Perverse Datenschützer?  Jawohl! Der Schutz von Daten (tönt fast gleich wie Täter) ist diesen neuen Inquisitionsrichtern viel wichtiger als der Schutz wehrloser Bürger. Man hat nun einmal die Datenschützer eingesetzt – und jetzt müssen sie ihre Position auch rechtfertigen. Das machen sie – und wie.

Wenn Videobilder ins Internet gestellt werden, schreien die Datenschützer aller Schattierungen – und dazu gehören auch die Parteien – empört auf. Sie schwatzen von Pranger. Das ist, mit Verlaub gesagt, Geschichtsklitterei (zu Deutsch Geschichtsfälschung). Wer wurde denn im Mittelalter an den Pranger gestellt? Es waren überführte und verurteilte Gesetzesbrecher und/oder auch Konkursiten. Per definitionem kann man noch nicht gefasste Übeltäter gar nicht an den Pranger stellen. Aber das Unwort ist nun einmal kreiert, und damit wird es zum süffigen Schlagwort der Datenschützer. Oder ist jeder Fahndungsaufruf der Polizei schon der „Pranger“??

Pervers – weshalb? Es ist ja allgemein bekannt, dass heute schneller und brutaler zugeschlagen wird als früher. Insbesondere die Misshandlung bereits „gefällter Gegner“ und die gefährlichen Schläge auf den Kopf, sind eher eine neue und bedenkliche Entwicklung. Wie kann man dem entgegensteuern? Mit dem Schutz der Täter? Mit lächerlich kleinen und wo möglich noch bedingten Geldstrafen? Mit dem lieblichen Jugendstrafrecht? Mit innigem Verständnis für die Täter? Mit Vorwürfen an die Opfer, wonach sie womöglich noch provoziert haben sollen? Mit Wegsehen?

Das mit dem Wegsehen ist eine Story für sich. Im besagten Bus sassen noch andere Passagiere. Keiner hat sich für den Chauffeur gewehrt. Teils begreife ich die Leute, teils fehlt mir das Verständnis.

Was haben wir denn für Möglichkeiten? Wir können die Nachtsammelkurse einstellen. Früher hat es diese auch nicht gegeben. Wenn wir aber weiter fahren sollen: Videoaufzeichnungen halten manchen potentiellen Täter ab. Oder wir können eine Bewachungsgesellschaft beauftragen, alle Nachtkurse zu begleiten. Wir können die Fahrer ermuntern, scharfe Hunde zu halten. Wir können sie in blitzschnellem Gebrauch von Verteidigungswaffen wie z.B. Pfefferspray schulen – wir könnten noch manches. Aber ist das alles auch zweckmässig? Von all dem ist die Videoaufzeichnung wirklich noch das harmloseste. Wer ein gutes Gewissen hat, muss nichts befürchten. Wer das noch verbieten will, wird Komplize.

Noch besser wäre es, auf jeden der gefährdeten Kurse einen Datenschützer zu delegieren. Diese könnten sich dann an Ort und Stelle statt für Daten für Menschen wehren. Das haben sie offenbar längst verlernt. Und sie könnten den verletzten Chauffeur mit Blumen zu trösten versuchen und dabei ihre heiss geliebten Daten für einige Minuten vergessen. Datenschutz – ist eine im Grunde genommen vernünftige Sache. Aber sie wird mit religiös anmutendem Eifer vor allem in den Parlamenten und von den Schützern selbst pervertiert.

 Dieter Heller, Verwaltungsratspräsident Stadtbus Chur AG

Chur, 6. Juni 2009